Bericht zur Demonstration der Solidarität mit Afrin – wie ziviler Ungehorsam funktioniert

Seit dem 20. Januar 2018 führt die Türkei unter ihrem diktatorischen Führer Erdogan einen Angriffskrieg gegen den Kanton Afrin in der selbstverwalteten Region Rojava. Auf eben jenem Territorium versucht die kurdische Bewegung seit Beginn des Krieges in Syrien einen Hort des Friedens, der (radikalen) Demokratie, der Gleichberechtigung und des Fortschritts aufzubauen und gleichzeitig gegen die Feinde der Freiheit zu verteidigen. Schon früh, in der noch jungen Geschichte, wurde Rojava durch die Mörderbanden des sogenannten Islamischen Staates (IS) bedrängt, die Stadt Kobanê wurde zum Symbol des erfolgreichen Widerstandes von YPG/YPJ (Volksverteidigungs- und Frauenverteidigungseinheiten). Unter ihrer Führung gelang es der SDF (Syrian Democratic Force) schließlich, auch Raqqa, die Hochburg und Hauptstadt des IS zu befreien. In Folge dieser erfolgreichen Kämpfe wurden die Truppen der kurdischen Bewegung überall auf der Welt als Kämpfer*innen gelobt und die Gefallenen für ihren Dienst am Fortschritt der Menschheit geehrt. Es sind die selben Truppen, deren Fahnen seit März letzten Jahres in der BRD verboten sind, weil sie als Symbole terroristischer Vereinigungen gelten.

Doch damit nicht genug, nun rollen in Deutschland produzierte und mit Genehmigung der Bundesregierung an Ankara verkaufte Panzer gegen unsere Genoss*innen und Freund*innen in Afrin. Deswegen haben wir die Demonstration der Solidarität am vergangenen Samstag, den 27. Januar 2018 unterstützt.

Bewegende Worte

Die Demonstration, aus der kurdischen Community Rostocks heraus organisiert, hatte ihren Auftaktkundgebungsort am Anfang der Rosa-Luxemburg-Straße, also auf der Nordseite des Hauptbahnhofs. Dort waren schon pünktlich um 14.00 Uhr viele Genoss*innen von jung bis alt versammelt, die selbstverständlich die Symbole ihres Widerstandes mit sich trugen. Wie immer ist es schön zu sehen, wenn es nicht nur Sache junger Männer ist, auf die Straße zu gehen, sondern augenscheinlich alle, unabhängig von Geschlecht und Alter, ihre Solidarität auf die Straße tragen wollen. Erfreulich war, dass sich dieses Bild auch bei den Genoss*innen fortsetzte, die später dazu kamen und eine Sozialisation in deutscher Gesellschaft erfahren haben. Das Bild der solidarischen Menge war gegen 14.30 Uhr sehr divers und mit etwa 400 Personen fast vollständig. Auch politische zeichnete sich ein recht breites Spektrum ab. Von einer unübersehbaren Deligation von etwa 20 Leuten der PDL, die mit gefühlten 10 Fahnen sehr auffällig war, über Gesichter aus der GEW und anderen Gewerkschaftsverbänden und sogar SPD, hin zu Genoss*innen von DKP und MLPD und vielen undogmatischen radikalen Linken waren verschiedene Spektren der Linken zusammengekommen, um gemeinsam Solidarität zu üben.

In der Zwischenzeit gab es die ersten Konfrontationen mit den Staatsdienern, welche sich daran machten, das Fahnenverbot durchzusetzen. Wir wissen nicht genau, wie viele Personalien aufgenommen worden sind und welche Fahnen den Anlass geboten haben, schätzen aber etwa 5 Betroffene. Hervorzuheben ist, dass dieser Zugriff auf die Genoss*innen zu diesem Zeitpunkt kaum zu verhindern war, aber alle Zeit solidarische Menschen die Aktivitäten der Cops beobachtet haben und auch im Nachhinein trotzdem noch einige YPG-, YPJ- und PKK-Fahnen zu sehen waren.

Währenddessen wurden schon die ersten Redebeiträge gehalten, die der Kundgebung eine inhaltliche Tiefe verliehen.

Ein besonderes Highlight war für uns die spontane Wortergreifung einer bereits ergrauten Genossin, welche die Errungenschaften des gesellschaftlichen Fortschritts i vor allem bezüglich der Befreiung der Frau in Rojava hervorhob und den Krieg der Türkei gegen Afrin als „Ungerechtigkeit, bei der ganz Rostock auf der Straße sein müsste“ brandmarkte. Sie erzählte, dass ihr das Herz blute, wenn sie die Bilder der Panzer sehe, die auf Afrin vorrücken. Das können wir sehr nachempfinden und doch lacht unser Herz, wenn wir an die Kraft und den frohen Mut dieser Genossin denken – wenn du das lesen solltest, freuen wir uns, wenn wir mal Kontakt aufnehmen könnten.

Wie ziviler Ungehorsam funktioniert

Als sämtliche Scherereien mit den Cops soweit abgehakt waren, konnte sich der Demonstrationszug formieren und nach einer Schweigeminute im Gedenken an die Gefallenen, haben wir uns, der Lautsprecherwagen vorne weg, in Bewegung gesetzt. Hinter dem Lauti folgte das Fronttransparent mit der Aufschrift „Solidarität mit Afrin! – Bijî Berxwedana Efrînê“, an den Seiten waren noch einige weitere Transparente zu sehen, unter anderem der ermutigende Zuruf „Kämpfen Afrin!“ und ein „Still <3ing YPG“, im übrigen waren weiterhin viele Fahnen der kurdischen Bewegung und auch einige „verbotene“ zu sehen. Noch in der Rosa-Luxemburg-Straße tauchten in der Demonstration plötzlich 200 kleine YPJ- bzw. YPG-Fähnchen auf und wurden mit Freude verteilt. Nach diesem Akt des massenhaften zivilen Ungehorsams durch die aktive Unterwanderung der Fahnenverbots haben die mit nur etwa 20 Leuten anwesenden Cops keine Anstalten mehr gemacht, einzelne Genoss*innen anzugehen. Lediglich bei der ersten Zwischenkundgebung, dort wurde ein Artikel des „Lower Class Magazin“ zur Situation in Afrin verlesen, haben sie den Anmelder der Demo aufgefordert, darauf hinzuweisen, dass die Fahnen herunternehmen zu sein. Dieser Aufforderung folgend, gab es eine kurze Ansage per Lautsprecher des Anmelders, um sich selbst und die Demo zu schützen. Nach kurzer Ernüchterung konnte die Situation durch die Demomoderation aber mit dem Hinweis, dass ja alle für Handeln selbst verantwortlich sind, aufgefangen werden und so ging es munter und mit Fahnen weiter! Der springende Punkt: Solidarität wirkt, wenn wir zusammenstehen und gemeinsam konsequent den Gehorsam verweigern! Grüße gehen an den IFC!

Internationalismus durchsetzen

Von hier an wurde die Außenwirkung der Demo stark durch die kurdischen Ansagen durch die Lautsprecher und die darauf folgenden Rufe des Blocks hinter dem Lauti dominiert. An einigen Stellen wirkten die Sprechchöre beinahe brachial und daher auf Passant*innen abschreckend. Eine Erklärung des Anliegens in deutscher Sprache kam möglicherweise manchmal zu kurz. So traf die Demo in der Kröpeliner Straße auch immer wieder auf Unverständnis. Es gab aber auch offene Ablehnung, die eindeutig rassistisch motiviert war. Umso wichtiger war also der selbstbewusste und internationalistische Ausdruck der Demo. Der Krieg gegen die YPG/YPJ ist kein türkisches, syrisches oder kurdisches Problem, sondern eine Frage nach dem Fortschritt und der Freiheit der Menschheit insgesamt. Es ist falsch, die Augen davor zu verschließen und so zu tun, als ginge das alles die Menschen in Deutschland nichts an. Es sind in Deutschland produzierte Panzer, die in Afrin rollen und es die Politik der GroKo, schmutzige Deals mit dem türkischen Regime auszuhandeln. Daher ist es richtig, wenn die Spitze der Demo durch einen lauten, selbstbewussten und eben nicht weiß und deutschsprachig dominierten Block gestellt wird. Andererseits müssen wir darauf achten, die Waage zu halten, um die Verständlichkeit des Ausdrucks der Demo zu gewährleisten und den Unterschied zwischen selbstbewusst laut und einschüchternd brachial zu gewährleisten.

Gemeinsam für eine bessere Welt – all together now!

Die nächste Zwischenkundgebung fand auf dem Uniplatz statt. An dieser Stelle konnten wir unseren Redebeitrag vortragen, welcher fast zeitgleich auch bei der großen, überregional mobilisierten Demonstration in Köln verlesen wurde. Die Essenz dieser Rede besteht in der Forderung nach dem Ende des PPK-Verbots und einer Einstellung der Rüstungsdeals sowie militärischen Zusammenarbeit mit der Türkei. Außerdem erging eine Einladung an alle linken Strukturen, z.B. die Jugendverbände der Parteien, mit uns an einer Durchsetzung dieser Forderungen zu arbeiten. Hier nachzulesen: Redebeitrag der Interventionistischen Linken zu den Demonstrationen der Solidarität mit Afrin am 27. Januar 2018 in Rostock & Köln

Auf dem Weg zum Doberaner Platz wurde auf Höhe der SPD-Parteizentrale nochmals anklagend auf die Verantwortung der SPD verwiesen, auch da sich Sigmar Gabriel kürzlich noch in seiner Privatwohnung mit dem türkischen Außenminister zur netten Kaminplauderei traf.

Am Dobi angekommen wurde die Solidarität gefeiert und vor allem die Kurd*innen nutzten die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Tanz. Ein Redebeitrag, der auf die faschistischen Angriffe auf linksradikale Hausprojekte in Thessaloniki („Libertatia“ brannte vollständig aus) verwies und die Notwendigkeit zum grenzüberschreitenden, gemeinsamen Kampf gegen Faschismus greifbar machte, war aufgrund technischer Schwierigkeiten leider schlecht zu verstehen. Währenddessen verließen schon etliche, gut durchgekühlte Genoss*innen den Ort des Geschehens und nach dem Abbau und herzlichen Verabschiedungen haben wir uns auch auf den Heimweg gemacht.

Was bleibt übrig, außer eines Symbols?

Aus unserer Perspektive besteht der Erfolg einer solchen Solidaritätsdemonstration darin, mit den direkt betroffenen enger zusammen zu rücken im ganz konkreten Sinne. Es ist wichtig, wenn Menschen, die auf ähnliche Weise davon überzeugt sind, eine bessere Welt schaffen zu können und auch zu müssen, sich kennenlernen und miteinander verbünden. Es sind diese Momente, an denen Interessen kollektiviert, Widersprüche ausgehalten und gemeinsame Ziele formuliert werden können, in denen Bewegung entsteht. Es ist also an uns allen, ansprechbar, offen und ehrlich interessiert an den Bedürfnissen der Menschen um uns herum zu sein. Das gilt nicht nur für diese Demo, sondern für viele politische Felder. Wenn wir es dann noch schaffen Verantwortung zu übernehmen, können wir tatsächlich etwas bewegen. Der Aufbau gemeinsamer Strukturen, die ein ähnlich breites Spektrum wie das der Demo verbünden könnte ein Anfang sein.

Verantwortung übernehmen können wir auch mit Aktionen zivilen Ungehorsams. Die Überwindung von Zuständen, in denen der Mensch ein erniedrigtes und geknechtetes Wesen ist, beginnt damit, den Gehorsam zu verweigern. In der konkreten Situation konnte auf die Weise des massenhaften Ungehorsams auch der Schutz der wenigen Ungehorsamen gewährleistet werden. In dem Moment, als sich 10 oder 20 über 200 Menschen dem Verbot widersetzten, konnten die Staatsdiener nichts tun, um den Ungehorsam zu unterbinden. Diese Erfahrungen lassen sich auf andere Kämpfe übertragen, egal ob in Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter, dem Vermieter oder der Chefihttps://ilrostock.wordpress.com/2018/02/15/redebeitrag-der-interventionistischen-linken-zu-den-demonstrationen-der-solidaritaet-mit-afrin-am-27-januar-2018-in-rostock-koeln/n. Überall gibt es Ungehorsame und widerständige Strategien. Als organisierte (radikale) Linke muss es unsere Aufgabe sein, uns um diese Menschen zu scharen, sie zu unterstützen und ihre Kämpfe mitzutragen.

iL*Rostock, 15. Februar 2018

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