Unsere Geschichte nicht bloß als eine Geschichte von Westlinken begreifen

Eine Anmerkung der IL-Ostgruppen zur Rote Hilfe Zeitung Ausgabe 4/2016 „Siegerjustiz – Verfolgung und Delegitmierung eines sozialistischen Versuchs seit 1990“, veröffentlicht in der RHZ 1/2017

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Liebe Redaktion der Roten Hilfe Zeitung,

ihr habt eure aktuelle Ausgabe der Siegerjustiz der BRD gegenüber Funktionsträger*innen der DDR gewidmet und wir finden es toll, wenn die westdeutsche, antikommunistische Hegemonie in der Geschichtsschreibung und Rechtssprechung über die DDR in der RHZ thematisiert werden.
Wir fühlen uns als Linke der Geschichte des Kommunismus verbunden, zu der auch die Geschichte der DDR gehört. Die Geschichte dieses „sozialistischen Versuchs“, wie ihr im Vorwort schreibt, ist uns zugehörig und wir können uns nicht mit Wortspielen daraus entlassen.
Diese Geschichte ist eine der Niederlage. Der Versuch ist gescheitert. Aus den Fehlern, auch den schrecklichen, müssen wir lernen. Sie bedeuten eine große Verantwortung bei unserem Vorhaben, es trotzdem auf’s Neue zu versuchen.

Wir sind allerdings nicht der Meinung, dass die Artikel, die ihr in dieser Ausgabe zusammengestellt habt, uns dabei weiterhelfen können. Die Autoren, die nicht die Entwicklung der DDR, sondern ausschließlich ihre Auflösung als Fehler betrachten, können uns keine Antworten geben. Die Geschichte der Gesellschaft der DDR ist vielfältiger und komplexer, als es die Führungsoffiziere, Generalstaatsanwälte und Majore, denen ihr diese Ausgabe zur Verfügung stellt, erklären können.
„Warum die Linke nicht in der Lage ist, die Zustände im real existierenden Sozialismus von links zu kritisieren“, sei ein anderes Thema, schreibt ihr im Vorwort. Wir denken, das es ganz im Gegenteil genau das Thema ist. Wenn wir über die Ungerechtigkeiten des BRD­-Rentensystems spechen, dass SS-Schergen bis heute besser stellt als KZ-Überlebende – ganz im Gegensatz zur DDR – ist das gut und richtig. Ihr eröffnet jedoch explizit mit dem Fokus auf jene, die dem „linken Streben“ verpflichtet sind. Diese, unsere Genoss*innen, ausgerechnet und ausschließlich in den Führungsetagen des Ministeriums für Staatssicherheit zu suchen, erscheint uns absurd.

Die Rote Hilfe ist eine strömungsübergreifende Organisation einer ausdifferenzierten Linken. Das finden wir richtig und wichtig. Zu dieser Linken gehören auch jene, die die bedingungslose Verteidigung des Herrschafts-Apparats des DDR-Staats als Programm hatten und teilweise noch haben. Vor allem gehören zu dieser Linken aber all diejenigen, die auch in der DDR für eine befreite Gesellschaft gekämpft haben. Die meisten dieser Genoss*innen wurden aber von jenem Repressionsapparat verurteilt, bespitzelt, gegängelt und in den Knast gesteckt, dessen ehemaligen Akteuren ihr diese RHZ-Ausgabe überlassen habt. Das erscheint uns für eine Zeitung, die sich dem Kampf gegen Repression verschrieben hat, zynisch.

Als Gruppen, die in Ostdeutschland Politik machen, ist uns wichtig, unsere Geschichte nicht bloß als eine Geschichte von Westlinken zu begreifen. Wer die oppositionelle Ostlinke vor ‘89 systematisch ausblendet, macht das aber. Die Erfahrungen dieser Genoss*innen müssen in der Debatte darum, wie die BRD mit dem Erbe und den Errungenschaften der DDR nach ‘89 verfahren ist, eine Rolle spielen. Wir finden die Geschichten dieser Genoss*innen gehören zu dem, wie ihr richtiger Weise bemerkt, differenzierten Blickwinkel auf die DDR. Leider setzt sich die heutige Linke nicht genügend mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinander. Wir wissen auch, dass dies nicht einfach ist. Doch darf auf keinen Fall diese Auseinandersetzung mit den Deligimitierungsversuchen der DDR durch westdeutsche Politiker*innen gleichgesetzt oder verwechselt werden.

Solidarische Grüße,

die Ost-Gruppen der Interventionistischen Linken (Rostock, Berlin, Leipzig)

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