Das Viertel neben Lichtenhagen

Ein Viertel im Nordwesten der Hansestadt Rostock erlangte im Jahr 1992 traurige Berühmtheit – Lichtenhagen. Seit dem ist „Lichtenhagen“ neben Hoyerswerda oder der Hafenstraße in Lübeck ein Synonym für die rassistischen Pogrome Anfang der 1990er Jahre in Deutschland geworden. Dass diese massive Äußerung von Rassismus als ausgeübte Gewalt und versuchte Tötung nicht ‚überholt‘ oder ‚überwunden‘ ist, zeigen die aktuellen Entwicklungen seit dem Summer of Migration 2015 – angezündete Flüchtlingsunterkünfte oder Angriffe auf offener Straße sind für Personen, die als nicht dem eigenen „Volk“ zugehörig angesehen werden, mittlerweile (wieder) trauriger Alltag.

Im Juni 2016 nutzen die selbsternannten „Patrioten Rostock/ Stralsund/ Rügen“ diese rassistische Hetze im Fahrwasser von Pegida- (bzw. Rogida und Mvgida) und AfD-Propaganda um via Internet gegen ein Teilhabezentrum für jugendliche Geflüchtete in Rostock-Groß Klein zu mobilisieren.

Groß Klein?

Nie was von gehört? Groß Klein ist der Nachbarstadtteil von Lichtenhagen, einzig durch eine Hauptverkehrsstraße und die S-Bahn-Schienen getrennt, verbunden über die S-Bahn-Brücke, die von Groß Klein aus direkt zum Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen, dem Ort der rassistischen Übergriffe im August 1992, führt. Sicherlich versprachen sich die Hetzer_innen, bestehend aus organisierten Nazistrukturen und keinesfalls arglosen, besorgten Anwohner_innen, von der Lage neben diesem für sie geschichtsträchtig-positivem Ort viel. Doch es kam anders.

Rassistische Hetze & Bedrohung

In der ersten Juniwoche stand der Vorwurf im Raum, dass ein jugendlicher Geflüchteter im Stadtteil Groß Klein übergriffig gegenüber einer jungen Frau geworden sei – bestes Futter für die Propagandamaschine der organisierten Rechten. So kam es zu einer ersten Mobilisierung der Nazis als ‚Bürgerwehr‘ am Mittwoch, dem 3.6.2016, woraufhin sich gegen die rassistischen Bedrohungsszenarien Widerstand formierte. Schnell konnten Personen aus organisierten antifaschistischen Strukturen genauso wie Sympathisant_innen und Unterstützer_innen kontaktiert werden, so dass es am Donnerstag zu einem gemeinsamen Besuch des Teilhabezentrums kam. Der Platz vor dem Teilhabezentrum, der in die öffentliche Infrastruktur von Einkaufszentrum und Sparkassenfiliale eingefasst ist, war bis dahin auch schon immer verabredeter Treffpunkt örtlicher Anwohner_innen zum gemeinsamen Verweilen. Hierbei versuchten die nun auftretenden organisierten Rechten die Anwohner_innen für rassistische Hetze zu gewinnen und zu instrumentalisieren. Durch die antifaschistische Intervention konnten jedoch vereinzelt Gespräche mit Anwohner_innen geführt werden, mittels derer die Trennlinie zwischen den Anwohner_innen und den Nazis aufgezeigt werden konnte. Gleichzeitig konnte den geflüchteten Jugendlichen, die dezentral in Wohngruppen untergebracht sind, sich aber regelmäßig in dem dafür geschaffenen Teilhabezentrum treffen, eine Unterstützung in der Bedrohungssituation gegeben werden. Und es wurde den organisierten Nazigruppen gezeigt, dass mit politischer Gegenwehr zu rechnen ist. Leider kam es in den Abendstunde vereinzelt zu Übergriffen auf People of Color in Groß Klein, so dass spätestens jetzt jede_r klar sein musste, dass Szenarien rassistischer Mobs wie in Freital auch in Rostock wieder Realität werden könnten.

Unsere Antwort: Solidarität!

Um eine breite Öffentlichkeit und Sensibilisierung im Viertel und in der gesamten Stadt für die Gefahr durch die organisierten rassistischen Strukturen zu schaffen, fand am Freitagabend eine Spontandemonstration in Groß Klein statt. Die zahlreichen Demonstrant_innen verschafften der angespannten Situation eine positive Wendung, in dem Worte wie Solidarität und Antirassismus vor die Parolen von Angst und Bedrohung gesetzt werden konnten. Jedoch versuchten organisierte Rechte weiterhin das Feld für sich zu bestimmen und wollten am Sonntagabend eine Kundgebung direkt vor dem Teilhabezentrum abzuhalten. Hierbei war auch wieder antifaschistische Solidarität von Nöten, um rassistische Aktionen nicht unbehelligt zu Stande kommen zu lassen.1 Und langsam bewegte sich etwas in der Stadt. In Groß Klein fanden sich freie und öffentliche Träger der Fürsorge zusammen, Stadtteiltische wurden abgehalten und auf Kommunalebene gewannen diejenigen Stimmen die Oberhand, die einen Schutz der Jugendlichen und ein solidarisches Miteinander forderten. So organisierten die verschiedenen Akteur_innen innerhalb kurzer Zeit ein Event, welches diese positive Besetzung des Umgangs mit den jugendlichen Geflüchteten fortführen wollte. Am Samstag, den 11.6., fand daraufhin ein für Anwohner_innen und Interessierte leicht zugängliches, offenes antirassistisches Straßenfest mit politischen Redebeiträgen, Aktivitäten für Kinder, Informationsmöglichkeiten zu den Themen Flucht, Migration und Antikapitalismus vor dem Teilhabezentrum statt. Und die Leute kamen. Und zwar nicht diejenigen, die mit rassistischen Angriffen und Parolen sympathisieren, sondern die der Unterbringung von Geflüchteten in ihrem Stadtteil aufgeschlossen gegenüberstehen sowie diejenigen, die sich als aktive Antirassist_innen verstehen. So vernahm die ein oder andere in Seitengesprächen vielfach die Stimmung, dass so ein Stadtteilfest für die persönliche Motivation sich für Antidiskriminierung im Stadtteil zu positionieren gut täte. Auch konnte der ein oder anderen damit die Angst, die durch die Bedrohungsszenarien der Nazis und Rassist_innen geschaffen wurde, etwas genommen werden. Den Abschluss des Samstags bildete eine Demonstration durch Groß Klein mit 580 Personen unter dem Motto „Groß Klein für Alle!“ und „Unsere Antwort: Solidarität!“.

Klischee & Vorurteil

Anders als von den ‚Patrioten‘ gedacht, stellt eine gewisse sozioökonomische Lage von Anwohner_innen eben nicht zwangsläufig einen Schluss für die Anschlussfähigkeit von Rassismus dar. Obwohl Groß Klein zu den Stadtteilen mit der höchsten Arbeitslosenrate (13,2% ggü. 7,8% im städtischen Durchschnitt), und Armutsgefährdung (über 20% sind betroffen) sowie niedriger sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung (49.5% ggü. 56,3%) zählt, führen diese sozialen Lagen nicht zwangsläufig zu Ausgrenzung, egozentristischer Angst und Rassismus. Natürlich wollen wir an dieser Stelle keine Schönfärberei betreiben – die Stimmung rund um das Stadtteilfest und auch danach sind nur begrenzte Ausschnitte aus dem Sozialgefüge. Doch können Ereignisse wie die im Juni antifaschistischer Arbeit Hoffnung, aber auch die Blickerweiterung auf die notwendige politische Arbeit in Bezug auf kultureller und politischer Ebene geben. Denn so zeigte sich neben der praktischen Unterstützung von Anwohner_innen und lokalen Strukturen, dass viel zu tun ist.

Weitermachen!

Im Zuge der zunehmenden städtischen Segregation finden sich in Stadtteilen wie Groß Klein nur noch wenige Orte der kulturellen Teilhabe und des gegenseitigen Austausches. Diese isolierenden Strukturen begünstigen jedoch eine Entfremdung einander gegenüber, ein Wegfall von Interesse und Empathie gegenüber von Nachbar_innen in verschiedenen sozialen Lagen. Einrichtungen, wie das von einem freien Träger in Groß Klein eröffnete Teilhabezentrum für die dezentral untergebrachten Flüchtlinge, können dabei nur ein erster Schritt sein. Mit Weitblick betrachtet kommt es jedoch darauf an, einen Austausch unter Prämissen der gegenseitigen Solidarität und Akzeptanz zu fördern. Autark funktionierende Modelle wie das neue soziale Zentrum auf der Walli oder die Besetzungen in Hannover und Leipzig beschreiten hierbei wichtige Wege zur niedrigschwelligen politischen Teilhabe und Organisierung, die bis in vormals nicht organisierte Kreise der Bevölkerung reichen. Und auch in Rostock hat sich seit der ersten Ankunft von Geflüchteten in Rostock auf ihrer Durchreise nach Skandinavien im September 2015 mit der Entstehung von ‚Rostock Hilft‘ oder dem Erstarken des Bündnisses ‚Rostock Nazifrei‘ viel getan. Die Ereignisse im Juni in Groß Klein haben zudem gezeigt, dass die lokalen Akteur_innen kurzfristige antifaschistische Interventionen auf die Beine stellen und damit der Gegenseite erfolgreich die politische Bühne entziehen können. Denn anders als im August 1992 sind weite Teile der Rostocker Bevölkerung sowie der Stadtverwaltung für das Thema Rassismus sensibilisiert. Bis dahin war es ein langer Weg, den antifaschistische Initiativen und Organisationen bewältigen mussten. Nun ist es an uns allen, den aktuellen positiven Erfahrungen Nachdruck zu verleihen und gemeinsam langfristige Perspektiven neben Modellen der ad-hoc Intervention auf lokaler Ebene zu entwickeln. Wir stehen dabei vor den Herausforderungen, unsere fehlende organisierte Verankerung in Stadtteilen wie Groß Klein der Vergangenheit angehören zu lassen und die nun geknüpften Kontakte mit kontinuierlicher und nachhaltiger linksradikaler Praxis weiter auszubauen.

Edit:

Heute, am 27. Juli, vermeldete die Presse, dass die unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten, die in Groß Klein seit etwa einem halben Jahr ein neues zu Hause gefunden haben, auf andere Unterkünfte verteilt werden sollen. Gerade jetzt, nachdem die Kids endlich angekommen waren, sich in dem neuen Sozialraum auskannten, werden sie erneut vertrieben. Pädagogisch und menschlich eine Tragödie!

Doch damit nicht genug, die Katastrophe ist politischer Natur. Die Jugendlichen müssen weichen, weil bekennende Nazis und Rassist*innen immer wieder Bedrohungsszenarien aufgebaut haben. Besonderes Schmankerl bei der ganzen Sache: Bockhahn scheint auf Druck von Polizei und Innenminister Caffier gehandelt zu haben. Da muss mal festgehalten werden, dass die Polizei einfach kein politischer Akteur sein darf! Das verstößt gegen sämtliche Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaates, auf die sich auch ein Michael Ebert (Typ mit vielen Sternen auf der Schulter) immer wieder beruft.

Die Polizei und die Stadt, sowie Landespolitik, geben dem Druck eines Haufens von Suffnazis sowie den 10 – 15 Internethelden der „Nationalen Sozialisten Rostock“ nach. Damit fallen sie den linksradikalen und bürgerlichen Menschen, die im vergangenen Monat Stellung bezogen, Solidarität gefordert und 500 Menschen auf die Straße gebracht haben, in den Rücken. Nicht zuletzt bei den Menschen vom Börgerhus dürfte das einen üblen Nachgeschmack hinterlassen, nachdem die Neonazis letzte Woche dort die Ortsbeiratssitzung störten.

Doch nix gelernt, liebe Stadtvertretung?

#rassismustötet

1Zu den detaillierten Geschehnissen am Sonntag siehe: https://linksunten.indymedia.org/en/node/181235

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